Vergangenheit & Zukunft

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EINE REGION MIT REICHER GESCHICHTE UND IDEEN FÜR MORGEN

Mitten durch das Gebiet der heutigen Verbandsgemeinde Katzenelnbogen verlief im Mittelalter zur Zeit Karls des Großen die Gaugrenze zwischen dem Einrichgau und dem Niederlahngau. Im Laufe der letzten Jahrhunderte wurde es üblich, den Raum zwischen Rhein, Lahn, Wisper und Aar als Einrich zu bezeichnen. Heute meint der Einheimische, wenn er vom Einrich spricht, das Gebiet der Verbandsgemeinde Katzenelnbogen.
Was bedeutet der Name Einrich? Der verstorbene Forscher, Professor A. Bach aus Bad Ems, kam zu einer Deutung, die auch von dem verstorbenen Heimatforscher, Pfarrer i. R. Rudolf Herold, übernommen wurde - Einrich heißt demnach „ein Reich“. Neuere etymologische Vergleiche und Überlegungen des Heimatforschers Manfred Keiling weisen eher auf „Einöde“ hin. Das Gebiet war aber schon lange vor dem Eintreffen der Germanen besiedelt und keine Einöde im landläufigen Sinn mehr. Der Heimatforscher Bernhard Meyer ist überzeugt davon, dass es den hochdeutschen Namen Einrich nie gegeben hat. Er entstand durch eine Fehllesung in der Prümer Urkunde Karls des Großen von 790. Wenn die dort stehende Stelle „in pago qui dicitur Heinriche“ in fränkisch/französischer Aussprache gelesen wird, dann heißt „Heinriche“ mit stimmlosem Anlaut-H: „Ããrisch“, genau so wie auch heute noch in der Mundart der Region. Erklärt ist der Name damit allerdings nicht.
Es gibt Hinweise auf Rastplätze von nichtsesshaften Menschen der Alt- und Mittelsteinzeit, und erste Funde von bandkeramischen Scherben, die belegen, dass seit Beginn der Jungsteinzeit um 5.500 v. Chr. erste Ansiedlungen und Gehöfte früher Ackerbauern entstanden. Hunderte von Hügelgräbern der Hunsrück-Eifel-Kultur in den Wäldern der Verbandsgemeinde geben Zeugnis von der Anwesenheit der Kelten in der Eisenzeit um 500 v. Chr.
Katzenelnbogen selbst findet erst im Jahre 1095 Erwähnung. Der Adelige Heinrich erbaute als Vogt zweier Klöster aus verschiedenen Erzbistümern die strategisch wichtige Burg Katzenelnbogen über der Querung eines alten Höhenweges mit dem Dörsbachtal. Die Frage nach der Herkunft des Namens Katzenelnbogen ist noch spannender als die nach dem Namen Einrich. Während Bach und Herold noch davon ausgingen, dass die Namen der Region nach der germanischen „Eroberung“ unbedingt germanisch sein müssten, ist Bernhard Meyer davon überzeugt, dass es zu einer Vermischung der germanischen Eindringlinge mit einer keltischen Vorbevölkerung kam und mancher Name aus noch unklarer keltischer Wurzel germanisch überformt wurde. Hierher gehören Namen wie Katzenelnbogen, Klingelbach, Dörsdorf, Eisighofen und der Gewässername Dörsbach. Auf keinen Fall kann die eher hilflose Deutung des Ortsnamens Katzenelnbogen als „Ort an der kleinen Bachkrümmung“ aufrecht erhalten werden.
Heinrich I. nannte sich seit 1102 nach dem Ort seiner Burg „von Katzenelnbogen“ und begründete damit eines der erfolgreichsten Grafengeschlechter des ausgehenden Mittelalters. In den knapp 400 Jahren seines Bestehens gelangte das Grafenhaus derer von Katzenelnbogen zu sprichwörtlichem Reichtum. Zwischen Nordschwarzwald und dem Niederrhein geschah entlang des Rheins kaum etwas gegen den Willen der Katzenelnbogener. Die geistlichen Kurfürsten waren oft wirtschaftlich von ihnen abhängig und mancher Kaiser bediente sich ihrer als Diplomaten, Beamte und Ratgeber, ja, Freunde. Dutzende Burgen und Städte verdanken ihnen ihr Entstehen oder Aufblühen. Walther von der Vogelweide und der Tannhäuser wissen sie als Mäzene zu rühmen. Einige Kreuzzüge, die Ersterwähnung des Rieslings, Klöster und vieles mehr sind mit ihrem Namen verbunden.
Nach dem Verlöschen des Geschlechts mit dem Tod Philipps des Älteren im Jahre 1479 begann ein Streit um das reiche Erbe, in dessen Folge der Raum Katzenelnbogen ab 1557 hessisch wurde und die große Vergangenheit in Vergessenheit geriet. Der Stammvater der weltweit bekannten jüdischen Familie Katzenellenbogen, Rabbi Meir, wurde 1482 in Katzenelnbogen geboren. Der Zahn der Zeit nagte an der Grafenburg, 1540 brannten weite Teile von Ort und Burg Katzenelnbogen im Erbfolgestreit zwischen dem Landgrafen von Hessen und den Grafen von Nassau-Dillenburg ab. 1584 erbaute der „Edle von der Leyen“ im Burgbering das noch heute stehende Haus. Landgraf Moritz erbaute in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges ein weiteres Haus auf der Burg.


Stiche der bedeutenden Kupferstecher des frühen 17. Jahrhunderts zeigen Katzenelnbogen als wichtigen Ort und eine noch dichte Bebauung innerhalb der Burgmauern. Der dreißigjährige Krieg machte auch vor dem Einrich nicht halt. Zwischen 1618 und 1648 wurde der Landstrich mehrfach von Überfällen, Einquartierungen, Plünderungen, Brandschatzungen und Hungersnöten heimgesucht. Fast das gesamte Städtchen Katzenelnbogen fiel noch 1648 durch kurbayrische Truppen in Asche. Der Landgraf-Moritzsche Bau allerdings konnte durch die auf die Burg geflüchteten Bürger gerettet werden. Als Durchzugsgebiet erlebte der Einrich oft böse Zeiten, sei es in den Schlesischen Kriegen, im Siebenjährigen Krieg oder in Napoleonischer Zeit und in der Befreiungskriegen, als 1813/14 die Durchzüge nicht nur die letzten Vorräte der Bevölkerung aufbrauchten, sondern auch das eingeschleppte Fleckfieber wütete und in einem halben Jahr vier- bis fünfmal soviel Sterbefälle verursachte wie sonst in einem ganzen Jahr.
1816 begann die fünfzigjährige Zeit des Herzogtums Nassau, eine Zeit, die für den Einrich Frieden und große Veränderungen brachte,.die Leibeigenschaft und der Frondienst waren schon unter Napoleon gefallen, Katzenelnbogen verlor die Stadtrechte, die allgemeine Schulpflicht in Simultanschulen wurde eingeführt, Schultheißen wurden auf Lebenszeit berufen und später gewählt. Aber auch die nassauische Selbstverwaltung der Gemeinden mit eigenem Bürgermeister, eigenem Rat und eigener Haushaltshoheit, die heute noch als Prinzip gilt, geht auf diese Zeit zurück.
1851 zog ein 13jähriger Junge aus Mittelfischbach zum Ärger der Amtskirche mit Prophezeiungen und Bußpredigten aus seinem am Fenster stehenden Bett vorübergehend großen Zulauf an. 1853 sorgte ein Ereignis für außergewöhnliches Aufsehen. Mit Kind und Kegel wanderte ein ganzes Dorf mit 85 Personen einschließlich eines ungeborenen Mädchens nach Nordamerika aus. Nur fünf Familien aus Niederfischbach blieben in der Heimat zurück, mussten aber die Ortsstelle, die noch im gleichen Jahre geschleift wurde, räumen und in Nachbardörfer ziehen. Das Land kam unter den Pflug und nur noch der Platz um den ehemaligen Dorfweiher blieb erhalten. Die Auswanderer gelangten gemeinsam nach Milwaukee in Wisconsin, wo sie einen Neuanfang suchten. Von dort aus lassen sich ihre Spuren in die nähere und weitere Umgebung verfolgen und mancher brave Yankee aus Wisconsin trägt noch heute den Namen Diefenbach, Lind, Klas, Lorch oder Flach.
Im deutschen Bruderkrieg von 1866 verlor Herzog Adolf sein Land und Nassau seine Souverainität. Der Einrich wurde preußisch und erlebte die nationale und nationalistische Zeit mit den verheerenden Weltkriegen und dem zweimaligen Verfall der Währung wie andere Landstriche in Deutschland auch. Ansätze zu einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung zum Nutzen der Menschen wurden dabei empfindlich gestört. Die nassauische Kleinbahn z.B.verband rund 50 Jahre lang Katzenelnbogen mit derm Rhein und versprach eine Belebung des Jahrtausende alten Erzbergbaus und der Steinindustrie
Die Rückbesinnung auf die große Vergangenheit anlässlich der 600. Wiederkehr der Stadtrechtsverleihung im Jahre 1912 führte zu einem verstärkten Heimatbewusstsein. Der alljährliche Bartholomäusmarkt entwickelte sich zum Einricher Heimatfest, das gemeinsam von allen Dörfern der Verbandsgemeinde gefeiert wird.
Nach den Zweiten Weltkrieg wurde der Einrich aus dem historischen Verbund mit Hessen gerissen und dem auf französischen Befehl neugegründeten Land Rheinland-Pfalz zugeordnet. Vom Aufschwung des Wirtschaftswunders seit den fünfziger Jahren profitierte auch der Einrich. Zwar gingen jahrhundertealte Strukturen wie z.B. der Bergbau verloren, die Kleinbahn wurde eingestellt und abgebaut. Aber neue, größere Schulen entstanden, die ein- und zweiklassigen Dorfschulen verschwanden, Unternehmen siedelten sich an und die Wohnbevölkerung wuchs. Die historischen Bindungen schwanden in einer Gesellschaft mit verändertem Bewusstsein. Als 1962 Katzenelnbogen aus Anlass der 650-Jahrfeier zum zweiten Mal nach 1312 die Stadtrechte erhielt, stieg trotz veränderter Zeiten das Selbstbewusstsein und die Hinwendung zur eigenen Geschichte.
Die Bildung der Verbandsgemeinde Katzenelnbogen mit der Stadt und den umliegenden 20 Gemeinden im Jahre 1972 brachte eine leistungsfähigere Verwaltung und stärkte die Identifikation mit der Geschichte des heimischen Raumes unter Beibehaltung der örtlichen Eigenheiten eines jeden Dorfes.
In der Vorbereitung auf die 700. Wiederkehr der Stadtrechtsverleihung für Katzenelnbogen durch Kaiser Heinrich VII. im Jahre 2012 beginnt eine erneute Besinnung auf die eigene Geschichte. Alle Bevölkerungsgruppen, jung und alt, alteingesessene Einricher, deren Vorfahren seit Jahrhunderten hier leben, und Neu – Einricher, Unternehmer, Arbeiter, Bauern, Kommunalpolitiker, die Schulen und heimische Künstler rüsten sich, um sich und ihre Heimat zu präsentieren. Im Jahr 2007 fanden die 1. Catzenelnbogener Ritterspiele mit beeindruckendem Erfolg statt. Das altehrwürdige seit 1929 bestehende Einricher Heimatmuseum hat als Einrichmuseum eine neue Organisationsform gefunden und ist in ein vollständig renoviertes altes Bauerngehöft umgezogen und kann die Welt der Menschen im Einrich und ihrer Vorfahren besser präsentieren.
Dass Geschichtsbewusstsein und Rückbesinnung auf die Vergangenheit nicht Rückständigkeit mit sich bringt, zeigen Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. In der Agenda 21 – Verbandsgemeinde haben sich verschiedene Gruppen entwickelt, die unter dem Gesichtpunkt der Nachhaltigkeit unter anderem eine eigene Zukunftswerkstatt mit höchster Anerkennung betreiben. Dorferneuerung und Stadtsanierung schreiten ebenso voran wie ein integriertes ländliches Entwicklungskonzept, das die Region zukunftsfähiger machen wird. Eine vollständige Erneuerung der Wasser- und Abwasseranlagen mit modernster Technik ist abgeschlossen, bildende Künstler, Musiker, ökologisch arbeitende Landwirte neben konventionellen, eine eigene neue Privatbrauerei auf dem Hof Schauferts und ein leistungsfähiges Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe runden das Bild. Der mit rund 220 km Länge größte Nordic-Walking-Park in Rheinland-Pfalz ist in der Verbandsgemeinde Katzenelnbogen entstanden. Ein modernes Freibad und ein Walderlebnispfad mit interessanten Stationen laden ein.